Keine Idee? Angst vorm ersten Schnitt?
Dann können wir ja anfangen.
Du kannst nähen. Du weißt, wie eine Nähmaschine funktioniert, kannst einen Reißverschluss einsetzen und eine einigermaßen gerade Naht kriegst Du auch hin.
Und trotzdem liegt dieses eine Kleidungsstück seit Wochen vor Dir. Eigentlich wolltest Du längst etwas daraus machen.
Aber dann kommen die Gedanken:
Was, wenn ich es zerschneide und damit kaputt mache?
Eigentlich bräuchte ich erst eine richtig gute Idee.
Oder vielleicht sogar: Für etwas wirklich Schönes bräuchte ich sowieso einen anderen Stoff.
Und irgendwann landet das Teil wieder im Schrank.
Ich kenne solche Szenen ziemlich gut. Nicht nur aus meinen Kursen und Workshops. Ich begegne ihnen immer wieder bei Menschen, die nähen können – und trotzdem überzeugt davon sind, nicht „kreativ genug“ zu sein, um selbst etwas zu entwerfen.
Dabei liegt das Problem meiner Erfahrung nach an einer ganz anderen Stelle:
Du musst nicht schon wissen, was am Ende herauskommt, um mit dem Entwerfen anzufangen.
Woher kommt der Glaubenssatz „Ich brauche erst die richtige Idee“?
Wir haben ein ziemlich merkwürdiges Bild davon, wie Kreativität funktioniert.
Da sitzt jemand vor einem weißen Blatt Papier, wird plötzlich von der Muse geküsst und ZACK! ist die geniale Idee da.
Bei Modedesignerinnen stellen wir uns das gern noch ein bisschen dramatischer vor: Skizzenbuch auf, drei wilde Striche, ein bisschen französische Musik im Hintergrund und plötzlich ist die neue Kollektion fertig.
Leider muss ich die Muse an dieser Stelle kurz arbeitslos melden.
Gestaltung funktioniert sehr viel weniger magisch. Und sehr viel handwerklicher.
Wenn ich ein vorhandenes Kleidungsstück in die Hand nehme, frage ich mich nicht zuerst: „Was könnte ich Geniales daraus machen?“ Ich schaue hin:
Was für ein Material habe ich vor mir?
Wie fällt es?
Ist es dehnbar?
Welche Form ist bereits vorhanden?
Welche Nähte kann ich nutzen?
Gibt es Taschen, Knöpfe, Säume, Kragen oder andere Details, die interessant sind?
Was davon möchte ich behalten?
Was stört mich an dem Kleidungsstück überhaupt?
Und was müsste sich verändern, damit ich es wieder gern tragen würde?
Das sind keine Geistesblitze. Das sind Fragen.
Und aus den Antworten entstehen Entscheidungen. Genau das ist für mich Entwerfen.
Warum ist dieser Glaubenssatz so hinderlich?
Wenn Du glaubst, dass Du zuerst eine richtig gute Idee brauchst, passiert häufig etwas ziemlich Gemeines:
Du fängst nicht an.
Du suchst stattdessen. Auf Pinterest. Auf Instagram. In Zeitschriften. In Schnittmustern. Vielleicht kaufst Du sogar noch einen Kurs oder neuen Stoff, weil sich das vorhandene Material plötzlich irgendwie nicht „richtig“ anfühlt.
Und je mehr Möglichkeiten Du findest, desto schwieriger wird die Entscheidung.
Das Kleidungsstück liegt währenddessen immer noch da.
Besonders fies wird es bei einem Teil, das Du eigentlich magst. Denn jetzt kommt noch ein zweiter Gedanke dazu:
„Was, wenn ich es zerschneide und es danach schlimmer ist als vorher?“
Verständlich. Eine Schere hat schließlich keine Rückgängig-Taste.
Aber wenn ein Kleidungsstück seit drei Jahren ungetragen im Schrank hängt, lohnt sich eine andere Frage:
Wie „heil“ ist ein Kleidungsstück eigentlich, das Du sowieso nicht trägst?
Vielleicht ist der erste Schnitt dann gar nicht das größte Risiko.
Vielleicht ist das größere Risiko, dass Du aus Angst vor einer falschen Entscheidung überhaupt keine triffst.
Die Wahrheit über das Entwerfen
Entwerfen bedeutet nicht, dass Du am Anfang schon das fertige Ergebnis vor Deinem inneren Auge sehen musst.
Und es bedeutet auch nicht, dass Dir ständig fantastische Ideen zufliegen müssen.
Ich habe Modedesign studiert und später selbst angehende Modedesignerinnen unterrichtet. Und was ich dabei immer wieder erlebt habe:
Gestaltung lässt sich strukturieren.
Natürlich gibt es Menschen mit einem guten Gespür für Farben, Formen oder Proportionen. Aber eine Idee zu entwickeln, Möglichkeiten zu prüfen, Entscheidungen zu treffen, sie wieder zu verwerfen und einen Entwurf weiterzuentwickeln – das ist ein Prozess.
Und den kann man lernen.
Gerade beim Upcycling finde ich das besonders spannend. Denn hier fängst Du nicht mit einem weißen Blatt an. Dein Material gibt bereits etwas vor. Da ist vielleicht eine Jeans mit einer großartigen Gesäßtasche. Ein Herrenhemd mit einer Knopfleiste. Ein Kleid, dessen Stoff Du liebst, dessen Schnitt Dir aber überhaupt nicht mehr gefällt.
Das sind keine Einschränkungen, die Deiner Kreativität im Weg stehen. Das sind Deine ersten Designentscheidungen, die bereits getroffen wurden.
Du musst nicht aus unendlich vielen Möglichkeiten auswählen. Du kannst auf das reagieren, was schon da ist.
Und plötzlich lautet die Frage nicht mehr: „Was soll ich bloß daraus machen?“
Sondern: „Was kann dieses Kleidungsstück noch werden?“
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Wie ich aufgehört habe, auf die geniale Idee zu warten
Auch ich stehe nicht morgens auf und habe bis zum Frühstück zwölf fertige Entwürfe im Kopf.
Ich arbeite mit dem Material.
Ich schaue es mir an. Drehe es um. Halte es hoch. Probiere etwas aus. Stecke etwas weg. Trenne etwas auf. Kombiniere Teile miteinander.
Manches funktioniert.
Manches sieht in meinem Kopf großartig aus und am Körper plötzlich aus wie ein mittelschwerer textiler Verkehrsunfall. Auch das gehört dazu.
Denn eine Entscheidung, die nicht funktioniert, ist im Designprozess nicht automatisch ein Fehler. Sie liefert Information. Ich weiß danach mehr als vorher.
Genau deshalb glaube ich heute nicht daran, dass Kreativität bedeutet, sofort die richtige Idee zu haben.
Kreativität bedeutet für mich, Entscheidungen treffen zu können, ohne vorher die Garantie zu bekommen, dass sie richtig sind.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem aus Nähen tatsächlich Gestalten wird.
Du willst Deine eigene Mode entwerfen? So fängst Du an!
Nimm Dir ein Kleidungsstück aus Deinem Schrank, das Du nicht mehr trägst. Aber greif noch nicht zur Schere.
Schau es Dir zuerst an und beantworte drei Fragen:
1. Warum trage ich dieses Teil nicht mehr?
Nicht: „Weil es doof ist.“
Was genau stört Dich? Länge? Farbe? Form? Ärmel? Ausschnitt? Passform? Stil?
2. Was daran gefällt mir trotzdem?
Der Stoff? Eine Tasche? Die Knöpfe? Ein Detail? Die Farbe? Der Kragen?
3. Was müsste sich verändern, damit ich es wieder tragen möchte?
Noch musst Du nicht wissen, wie Du das technisch umsetzt.
Erst einmal entscheidest Du nur, was sich verändern soll.
Und schon bist Du mittendrin. Nicht im Nähen. Im Entwerfen.
Denn vielleicht brauchst Du für Deine eigene Mode weder den genialen Geistesblitz noch neuen Stoff. Vielleicht brauchst Du vor allem eines: Eine Methode, mit der Du aus dem, was schon da ist, Deine eigenen Entscheidungen entwickeln kannst.
Du möchtest genau das lernen?
In meinem Upcycling-Design-Kurs zeige ich Dir Schritt für Schritt, wie Du vorhandene Kleidungsstücke als Material lesen, daraus eigene Ideen entwickeln und gestalterische Entscheidungen treffen kannst – ohne neuen Stoff und ohne darauf zu warten, dass Dich irgendwann die Muse anspringt.
Hier gehts zur Warteliste, kannst Du mehr über den Kurs erfahren >







0 Kommentare